Geschichte · 4 Min Lesezeit
Ich habe meiner Oma einen Brief geschrieben

Der Moment, der alles losgetreten hat
Es war ein Dienstagabend, irgendwann zwischen Abendessen und dem ersten müden Scrollen durch das Handy. Auf dem Küchentisch lag noch die Zeitung, aufgeschlagen, halb gelesen. Und plötzlich dachte ich an meine Oma.
Nicht weil Geburtstag war. Nicht weil sie krank gewesen wäre oder weil irgendjemand gesagt hätte: Ruf doch mal an. Ich dachte einfach an sie. An ihre Küche, die immer nach Kaffee und Seife gerochen hat. An die Art, wie sie Butterbrote gemacht hat – Butter erst wirklich weich werden lassen, dann großzügig, bis zum Rand. An das Geräusch ihrer Pantoffeln auf dem Fliesenboden.
Ich hätte ihr schreiben können. Stattdessen hatte ich es seit Monaten nicht getan.
Was man nicht einfach in eine Nachricht tippt
Es gibt Dinge, die sich auf einem kleinen Bildschirm falsch anfühlen. Nicht weil die Worte schlechter wären. Sondern weil das Medium die Botschaft verändert. Eine WhatsApp-Nachricht, auch eine liebevolle, ist etwas, das man zwischen zwei Terminen wegwischt. Ein Brief ist etwas, das man aufmacht, hinlegt, noch einmal liest.
Meine Oma liest Briefe so. Sie liest sie am Tisch, mit dem Kaffee daneben, ohne Eile. Sie faltet sie danach wieder zusammen und legt sie in eine Schublade, die ich als Kind für magisch gehalten habe – weil da Dinge reinkamen und nie wieder verschwanden.
Ich wollte in dieser Schublade landen.
Das Schreiben selbst
Ich habe angefangen wie man anfängt, wenn man lange nicht geschrieben hat: zögernd. Liebe Oma. Dann eine Pause. Was schreibt man als nächstes, wenn kein Anlass da ist?
Genau das, stellte sich heraus. Man schreibt, was da ist.
Ich habe ihr von dem Dienstagabend geschrieben. Von der Zeitung auf dem Tisch, von dem Gedanken, der einfach so aufgetaucht ist. Ich habe ihr geschrieben, dass ich letzte Woche ihr Rezept für Pflaumenmus ausprobiert habe und es nicht ganz hinbekommen habe – zu wenig Zucker, zu ungeduldig gerührt. Ich habe ihr geschrieben, wie der Herbst bei uns gerade aussieht: die Kastanien auf dem Gehweg, der Geruch nach nassem Laub, wenn man morgens die Tür aufmacht.
Kleine Dinge. Aber die kleinen Dinge sind es, die sagen: Ich denke an dich, wenn du nicht dabei bist.
Nach einer Weile hatte ich zwei Seiten. Zwei Seiten über nichts Besonderes. Und sie fühlten sich wahrer an als vieles, was ich in letzter Zeit geschrieben hatte.
Was ich dabei gemerkt habe
Einen Brief mit der Hand zu schreiben hat etwas Entschleunigendes. Man kann nicht löschen, ohne dass es aussieht wie löschen. Man überlegt vorher, was man sagt. Nicht aus Angst, sondern weil man möchte, dass es gut klingt – nicht perfekt, aber ehrlich.
Ich habe gemerkt, dass ich Dinge aufschreibe, die ich am Telefon nie erwähnen würde. Nicht weil sie geheim wären, sondern weil sie im Gespräch einfach keinen Platz finden. Das Gespräch hat einen Rhythmus, und der lässt keine stillen Einschübe zu. Ein Brief hat keinen Rhythmus außer dem eigenen.
Und dann ist da noch etwas anderes: Wenn man schreibt, liest man auch. Ich habe gemerkt, was ich an meiner Oma vermisse, erst als ich es aufgeschrieben habe. Die Butter bis zum Rand. Das Pantoffelgeräusch. Die Schublade.
Einen Brief von Hand schreiben – oder schreiben lassen
Nicht jeder sitzt gerne mit einem leeren Blatt vor sich. Manche Menschen wissen genau, was sie sagen wollen, aber die Worte fließen nicht so, wie sie sich das vorstellen. Andere haben zittrige Hände, schlechte Augen oder finden, ihre Handschrift sei unleserlich – was fast nie so schlimm ist, wie man denkt, aber das Gefühl bleibt.
Für solche Momente gibt es My First Loveletter: einen Service, der persönliche Briefe in echter Tinte schreibt – handgeschrieben, nicht gedruckt. Man gibt an, was man sagen möchte, und bekommt einen Brief zurück, der sich wie ein Brief anfühlt. Nicht wie eine Drucksache, nicht wie eine Grußkarte mit Standardtext. Wie ein echter Brief, der jemanden erreicht.
Für meine Oma wäre das keine schlechtere Variante gewesen. Hauptsache, sie hätte ihn in der Hand gehalten.
Was in der Schublade landet
Drei Tage nach dem Dienstagabend habe ich den Brief eingeworfen. Gelbes Kuvert, weil ich kein weißes mehr hatte, und das hat sich am Ende richtig angefühlt – ein bisschen wärmer, ein bisschen weniger förmlich.
Eine Woche später hat meine Oma angerufen. Sie hat nicht viel gesagt, das ist ihre Art. Aber sie hat gesagt: Ich hab deinen Brief gelesen. Zweimal. Dann noch: Das mit dem Pflaumenmus – nächstes Mal zeig ich's dir richtig.
Das war alles. Und es war genug.
Warum kein Anlass der beste Anlass ist
Wir warten so oft auf einen Grund. Geburtstag, Weihnachten, Jubiläum. Als wäre Zuneigung etwas, das einen Stempel braucht, um gültig zu sein.
Aber die Briefe, die wirklich ankommen – nicht im Briefkasten, sondern bei jemandem – sind meistens die anderen. Die ohne Anlass. Die, die sagen: Ich habe gerade an dich gedacht. Nicht weil ich musste. Sondern weil du einfach da warst.
Ein leeres Blatt Papier, ein Stift, fünfzehn Minuten ohne Ablenkung. Mehr braucht es nicht.
Außer vielleicht einem gelben Kuvert.
Manche Gefühle verdienen mehr als eine Nachricht.
Euren Brief schreiben

