← Alle Geschichten

Geschichte · 5 Min Lesezeit

Ich vermisse meinen Lieblingsmenschen

Ich vermisse meinen Lieblingsmenschen

Die Kaffeetasse auf der falschen Seite

Lena stellt die Tasse immer links ab. Nicht weil links besser wäre, sondern weil rechts der Platz von Jonas ist. Seit vier Monaten steht dort nichts. Trotzdem räumt sie seine Seite des Tisches nicht frei. Sie legt dort keine Bücher ab, keine Post, keine Äpfel aus dem Supermarkt. Der Platz bleibt leer, als würde er gleich zurückkommen.

Jonas arbeitet in einer anderen Stadt. Nicht am anderen Ende der Welt, aber weit genug, dass sie sich nur an Wochenenden sehen – und auch das nur, wenn kein Projekt dazwischenkommt, kein Zug ausfällt, kein Körper streikt, weil er seit Wochen zu wenig geschlafen hat.

Vermissen, das hat Lena in diesen Monaten gelernt, ist kein einzelner Moment. Es ist ein Geräusch, das immer läuft. Manchmal leise, manchmal so laut, dass sie mittendrin in einem ganz normalen Dienstagnachmittag einfach aufhört, was sie tut, und aus dem Fenster schaut.

Was bleibt, wenn jemand geht

Die ersten Wochen waren merkwürdig geordnet. Sie hatten Abmachungen getroffen: täglich eine Sprachnachricht, freitags ankommen, sonntagabends fahren. Ein Rhythmus wie ein Gerüst, das man von außen sieht, aber nicht anfasst.

Dann begann das Eingewöhnen. Nicht ins Getrenntsein – das gewöhnt man sich nicht wirklich –, sondern ins Weiterleben trotzdem. Lena kaufte wieder für eine Person ein. Sie lernte, Stille zu mögen, auch wenn sie sie nicht gewählt hatte. Sie schlief mittig im Bett, bis sie feststellte, dass sie sich irgendwann wieder an den Rand zurückzog. Als wäre Platz halten eine Geste, die ihr niemand beigebracht hatte, die sie aber trotzdem kannte.

Jonas schickt ihr Fotos von Dingen, die ihn an sie erinnern. Eine Jalousie, die genauso scheppert wie die in ihrer gemeinsamen Küche. Ein Café, in dem das Licht genau so fällt wie in dem, in das sie am liebsten gehen. Manchmal nur ein Wort: Schau. Und sie schaut, und versteht.

Kleine Rituale über die Distanz

Sie haben sich angewöhnt, gleichzeitig Tee zu kochen. Nicht immer, nicht geplant, aber wenn einer schreibt ich mach mir jetzt was, macht der andere oft mit. Sie kochen dann nicht zusammen. Sie kochen getrennt, zur gleichen Zeit, in zwei verschiedenen Küchen, dreihundert Kilometer auseinander. Und trotzdem ist es ein Moment, der sich teilt.

Lena hat aufgehört, das lächerlich zu finden. In den ersten Wochen kam ihr das vor wie Selbsttäuschung – so tun, als wäre man nah, obwohl man es nicht ist. Jetzt versteht sie, dass Nähe nicht nur Körper braucht. Sie braucht Aufmerksamkeit. Den Entschluss, jemanden im Alltag mitzunehmen, auch wenn der Alltag gerade woanders stattfindet.

Sie schreiben sich Briefe. Echte Briefe, auf Papier, mit der Hand. Jonas hat eine Schrift, die sich nach rechts lehnt, als wäre sie in Eile, aber in einer freundlichen Eile. Lena liest seine Briefe nicht sofort. Sie legt sie auf den Tisch – seinen Platz – und wartet manchmal bis abends. Als kleines Versprechen an sich selbst, dass da etwas auf sie wartet.

Einmal hat sie einen Brief über eine Woche aufgeschoben. Nicht weil sie ihn nicht lesen wollte, sondern weil das Warten selbst sich gut anfühlte. Wie ein Wissen: Er denkt an mich. Das ist hier, griffbereit. Ich muss es nicht sofort aufbrauchen.

Bei My First Loveletter haben sie die Briefe das erste Mal mit echter Tinte schreiben lassen – als Überraschung zum Jahrestag. Lena sagt, seitdem fühlt sich das Briefeschreiben ernster an. Nicht feierlicher, nur echter. Als würde die Tinte dem Wort ein Gewicht geben, das auf dem Bildschirm immer fehlt.

Das Warten, das sich verändert

Es gibt Tage, da ist das Vermissen schwer und ohne Anlass. Kein besonderer Tag, keine Erinnerung, die auftaucht – einfach ein Mittwoch, der sich falsch anfühlt. Lena hat gelernt, diese Tage nicht zu erklären. Sie ruft Jonas nicht an und sagt ich weiß nicht, mir fehlt einfach etwas. Sie schreibt es auf. Manchmal schickt sie es, manchmal nicht.

Jonas hat ihr einmal gesagt, dass er ihre ungeschickten Nachrichten am liebsten mag. Die, die mit einem Satz anfangen und dann in eine andere Richtung gehen, weil ihr beim Schreiben noch etwas eingefallen ist. Die, die zeigen, wie ihr Kopf arbeitet. Lena versteht das. Sie liebt an ihm, wie er Dinge zu Ende denkt. Wie er nicht aufhört, bevor er bei sich angekommen ist.

Fernbeziehungen, das hat sie irgendwann aufgehört zu glauben, sind Ausnahmezustände. Das hier ist ihr Leben. Es ist unbequem und manchmal schön und oft beides gleichzeitig. Es ist keine Warteschleife auf ein richtiges Leben danach.

Als er wieder da war

Der Freitag, an dem Jonas früher als erwartet ankam, war ein grauer Novembertag. Lena stand in der Küche, Zwiebeln auf dem Schneidebrett, und hörte den Schlüssel in der Tür. Nicht das Klingeln, nicht eine Nachricht vorher – den Schlüssel.

Sie hat nicht geweint. Sie hat auch nicht gelacht. Sie hat einfach das Messer hingelegt und ist rausgegangen, und er hat noch seinen Rucksack auf der Schulter gehabt, und sie haben sich umarmt, ohne dass einer etwas gesagt hätte.

Später saßen sie am Tisch. Seine Tasse rechts, ihre links. Die Zwiebeln blieben auf dem Brett, bis sie kalt waren, und das Abendessen wurde anderthalb Stunden später fertig als geplant. Lena erinnert sich nicht mehr, was sie gegessen haben. Sie erinnert sich an das Licht in der Küche und daran, dass sie zum ersten Mal seit Wochen beide gleichzeitig lachten, über nichts Bestimmtes, einfach so.

Vermissen hört nicht auf, wenn jemand zurückkommt. Es legt sich nur hin. Schläft eine Weile. Und in dieser Weile ist alles, was war, noch einmal da – die Kaffeetasse, die Briefe, der gleichzeitige Tee – und man merkt, dass all das kein Ersatz war. Es war das Echte selbst.

Was bleibt

Distanz verändert, was man füreinander aufbewahrt. Lena bewahrt Kleinigkeiten anders auf, seit Jonas nicht jeden Abend da ist. Ein Satz, der ihr tagsüber einfällt. Ein Geruch. Das Scheppern der Jalousie. Sie sammelt Dinge, die sie ihm erzählen will, und wenn sie es tut, ist die Freude daran nicht kleiner, weil Zeit vergangen ist. Manchmal größer.

Vielleicht ist das das Unerwartete an Fernbeziehungen: dass sie einen zwingen, aufmerksam zu sein. Auf das, was fehlt. Auf das, was trägt. Auf die Person, die man ist, wenn man allein ist – und auf die, die man wird, wenn der andere wiederkommt.

Manche Gefühle verdienen mehr als eine Nachricht.

Euren Brief schreiben